1. Einführung
Schimmelpilze sind ein allgegenwärtiger
Bestandteil unserer Biosphäre; gleichgültig
ob in Gebäuden, in der Stadt- oder Land-
luft, sie sind in den gemäßigten Breiten
praktisch ganzjährig anzutreffen. »Schim-
melpilze«, nachfolgend »SP« benannt,
sind keine taxonomisch klar definierte Einheit
von Pilzen, sondern ein Sammelbegriff für
Pilze, die Fäden und Sporen bilden können
und biologisch zu verschiedenen Pilzgruppen
(Zygomycetes, Ascomycetes, Fungi imper-
fecti) gehören. Auf die taxonomischen Be-
sonderheiten der einzelnen Spezies wird hier
nicht näher eingegangen.
In jüngerer Zeit sind SP zunehmend Gegen-
stand umweltmedizinischer Untersuchungen
und Fragestellungen geworden, weil sich
zum einen die Hinweise auf eine Zunahme
der Innenraumluftbelastung und zum
anderen auf mögliche gesundheitliche
Risiken häufen. Die Dringlichkeit des
Problems spiegelt sich auch in der Fülle
von Publikationen unterschiedlichster Her-
ausgeber wider. In diesem Zusammenhang
sei explizit auf den »Leitfaden zur Vor-
beugung, Untersuchung, Bewertung und Sa-
nierung von Schimmelpilzwachstum in
Innenräumen« des Umweltbundesamtes,
der kostenlos unter der Adresse
www.umweltbundesamt.org geladen werden
kann, hingewiesen. Zahlreiche praktische
Aspekte bzgl. einer SP-Belastung im
Innenraum sind ferner in der Broschüre
»Hilfe! Schimmel im Haus« des Um-
weltbundesamtes (verfügbar unter umweltbundesamt.org)
zusammengefasst. In der internationalen
Literatur gibt es inzwischen eine Flut von
Veröffentlichungen unterschiedlichster
Qualität zum Thema »Schimmelpilze im Innenraum«.
2. Gesundheitliche Bewertung
Grundsätzlich können im Zusammenhang
mit SP-Belastungen in Innenräumen 5 ver-
schiedene Problemkreise angesprochen werden.
1.
|
Systemische Infektionen bei immunsupprimierten Personen
|
2.
|
Allergische Beschwerden durch Inhalation von Zellbestandteilen, Sporen oder Syntheseprodukten der SP (Typ I: Asthma bronchiale, Heuschnupfen; Typ III: exogen allergische Alveolitis)
|
3.
|
Toxische Effekte durch Inhalation von Zellbestandteilen, Sporen oder Syntheseprodukten der SP in sehr hoher Konzentration (Organic Dust Toxic Syndrome)
|
4.
|
Schleimhautreizungen durch Inhalation von Zellbestandteilen, Sporen oder Syntheseprodukten der SP (Mucous Membrane Irritation Syndrome)
|
5.
|
Geruchsbelästigung ohne erkennbare gesundheitliche Auswirkung
|
2.1 Systemische Infektionen bei
immunsupprimierten Personen
Für hochgradig immunsupprimierte Patien-
ten, z. B. nach Knochenmarktransplantation
oder während einer onkologischen Chemo-
therapie, besteht ein erhebliches Risiko
durch Inhalation von Aspergillus-Sporen
(insb. A. fumigatus) an einer Invasiven
Aspergillose (IA) zu erkranken. Zahlreiche
Studien belegen, dass die Inzidenz der IA
bei Patienten, die in mit Hochleistungs-
Schwebstofffiltern (HEPA-Filter) ausge-
statteten Räumen behandelt werden, nie-
driger ist als in Räumen mit mechanischer.
Die amerikanische Gesundheitsbehörde CDC
empfiehlt daher die Ausstattung von
Räumen zur Behandlung von Knochen-
markstransplantationspatienten mit HEPA-
Filtern. Wenngleich eine als »ungefährlich«
geltende Konzentrationsschwelle von
Aspergillus-Sporen in der Luft nicht an-
gegeben werden kann, gibt es Hinweise,
dass bei Konzentrationen > 2 Kolonie-
bildenden Einheiten (KBE) je m³ Luft das
Risiko einer Erkrankung deutlich zunimmt.
In Einzelfällen kann die Quelle der Asper-
gillenbelastung auch in Zusammenhang mit
einer Aspergillenkontamination des Trink-
wassers und nachfolgender Aerosolbildung
stehen, was bei der Ursachenaufklärung zu
bedenken ist. Da insbesondere bei Bau-
maßnahmen am oder im Krankenhaus
erhöhte Konzentrationen luftgetragener
Aspergillussporen auftreten können, sind
geeignete Maßnahmen zur Risikoreduktion
unter Berücksichtigung des spezifischen
Patientenguts und der konkreten baulichen
Gegebenheiten zu ergreifen. Zur Frage einer
Gefährdung immunsupprimierter Menschen
im Wohnbereich durch Aspergillus-Sporen
liegen keine validen Daten vor. Immun-
kompetente Personen sind nach heutiger
Einschätzung nur dann einem Infektions-
risiko ausgesetzt, wenn außergewöhnlich
hohe SP-Konzentrationen besonders
virulenter (=krankmachender) Pilzstämme
vorliegen.
|
2.2 Allergische Beschwerden durch
Inhalation von Zellbestandteilen,
Sporen oder Syntheseprodukten der SP
Da der ungeheuren Anzahl möglicherweise
sensibilisierender SP-Antigene eine eng
begrenzte Antigen-Auswahl in dermato-
logisch-allergologischen Prüfsystemen zur
Verfügung stehen, kann die Frage, ob tat-
sächlich nur wenige SP-Antigene eine
nennenswerte Rolle spielen, oder ob nur deshalb
vergleichsweise wenig SP-Antigene bekannt
sind, weil einfach die entsprechen-
den Prüfsysteme fehlen, (noch) nicht be-
antwortet werden.
In der Arbeitsumwelt gilt als gesichert, dass
von »schimmelpilzhaltigem Staub« eine
atemwegssensibilisierende Wirkung ausgeht
In der amtlichen Begründung werden ex-
emplarisch epidemiologische Untersu-
chungen zitiert, die einen kausalen Zu-
sammenhang zwischen Exposition und
erfolgter Sensibilisierung dokumentieren.
Hierbei wird zwischen den IgE-vermittelten
Allergien (z.B. Sensibilisierung gegenüber
Grasschimmelpilzen bei Parkanlagenarbeit-
ern), den exogen-allergischen Alveolitiden
(Farmerlunge, Befeuchterlunge, Müll-
arbeiterlunge usf.) und dem nicht immu-
nogen vermitteltem Organic Dust Toxic
Syndrome (ODTS) unterschieden. Das
schwerwiegendste Krankheitsbild nach rezi-
divierender SP-Exposition in einem im
Wohnraum praktisch nicht anzutreffenden
Konzentrationsbereich ist die exogen-
allergische Alveolitits, im anglo-
amerikanischen Schrifttum »Hypersensitivity
Pneumonitis« bezeichnet, die in einen
irreversiblen Fibrosierungsprozess der Lunge
münden kann. Abgesehen von Einzelfällen,
wie z.B. einer exogen-allergischen Alveolitis
aufgrund einer Penicillium expansum-
Exposition im Wohnbereich oder in einem
Gebäude mit fehlerhafter Raumluft-
technischer Anlage spielt die EAA im Zu-
sammenhang mit SP nur bei beruflich
Exponierten eine Rolle.
Hinsichtlich der »normalen« Wohnumwelt ist
die Datenlage, insb. aufgrund der
Problematik der Expositionserfassung,
wesentlich komplizierter. Da die Ursache
einer »SP-Belastung« (ohne diesen Begriff
an dieser Stelle näher spezifizieren zu
wollen) häufig in einer zu hohen Feuchtig-
keit der Raumluft oder des Baukörpers
besteht, wurde in zahlreichen Arbeiten
untersucht, ob sich ein Zusammenhang
zwischen allergischen Erkrankungen der
Atemwege und Hinweisen auf eine Erhöhung
der Feuchtigkeit im Wohnumfeld ergeben.
Wenngleich der Begriff einer »erhöhten
Innenraumfeuchtigkeit« ebenfalls gänzlich
unscharf ist, und je nach Land, Gesellschaft
und sozialem Status unterschiedlich
wahrgenommen wird, gibt es zahlreiche Ein-
zelstudien und inzwischen mehrere Review-
Arbeiten, die über einen Zusammenhang
mit allergischen Beschwerden bzw. un-
spezifischen Atemwegserkrankungen be-
richten.
Ob die erhöhte Innenraumfeuchtigkeit
selbst asthmatische Beschwerden auslösen
kann oder nur zur Exazerbation bereits
bestehender allergischer Vorerkrankungen
beiträgt, muss derzeit als offen gelten.
Neuere Untersuchungen belegen, dass zahl-
reiche SP-Arten, darunter insb. Vertreter der
Gattungen Aspergillus, Penicillium und
Cladosporium, nicht nur Sporen und
flüchtige Syntheseprodukte, sondern auch
kleine Partikel mit einem Durchmesser
<2,5µm in die Innenraumluft abgeben.
Diese Partikel wießen in ELISA-
Untersuchungen eine signifikant höhere
Allergenität auf, als die Sporen selbst;
aufgrund ihrer Abmessungen dürften sie
darüber hinaus wesentlich besser geeignet
sein, um tief in den Respirationstrakt
einzudringen. Besonders wichtig ist, dass
ihre Konzentration die der Sporen bis zu 300
mal übertreffen kann, und bisher keine
Korrelationen zwischen den SP-Sporen und
den SP-Partikeln in der Raumluft erkennbar
waren.
Ob SP durch ihre Sporen, Wandbestandteile
oder Syntheseprodukte Typ-1 Allergien
selber auslösen oder nur zur Exazerbation
vorbestehender allergischer Beschwerden
beitragen können, ist nach wie vor um-
stritten.
Epidemiologische Untersuchungen zur Frage
des kausalen Zusammenhangs zwischen
einer SP-Exposition im Innenraum und
Erkrankungen der Atemwege lassen derzeit
keine klare Dosis-Wirkungsbeziehung er-
kennen. Dies trifft insb. auf die Gesamt-
sporenzahlen zu; einzelne Taxa wie z.B.
Aspergillus spp. Penicillium spp. oder
Cladosporium spp. scheinen dagegen mit
asthmatischen / atopischen Beschwerden zu
korrelieren. Außer Zweifel steht auch, dass
die Sensibilisierung gegenüber bestimmten
SP (z.B. Alternaria alternata oder
Cladosporium herbarum) bei Patienten mit
allergischen Atemwegserkrankungen signifi-
kant häufiger anzutreffen ist.
|
Aufgrund der vorliegenden Daten kann ein
gesundheitlich begründeter Grenz- oder
Richtwert für die SP-Konzentration der
Innenraumluft oder des Hausstaubs nicht
abgeleitet werden. Allerdings erscheint
ein generelles Minimierungsgebot bzgl. der
SP-Exposition im Wohnbereich dringend ge-
boten.
2.3 Organic Dust Toxic Syndrome (ODTS)
Beim ODTS handelt es sich um ein nicht-
immunvermitteltes Beschwerdebild, das
bereits nach einmaliger Exposition auftreten
kann. Beschrieben wurde das ODTS
vorwiegend bei Arbeitern in der Land- oder
Abfallwirtschaft nach Exposition gegenüber
im Wohnbereich gewöhnlich nicht anzu-
treffenden Bioaerosolen. Auch bei Be-
schäftigten auf einer Pilzfarm wurden
respiratorische Symptome im Zusammen-
hang mit der Sporen- und Endotoxin-
inhalation beschrieben.
2.4 Mucous Membrane Irritation Syndrome
(MMIS)
Schleimhautreizungen, Augenbrennen sowie
leichte Erkältungzeichen werden in der
Literatur häufig im Zusammenhang mit dem
Aufenthalt in „feuchten“ oder »SP-
belasteten« Räumen genannt. Die Fälle, bei
denen es sich weder um eine allergische
Reaktion noch um eine Exposition im
Hochdosisbereich wie beim ODTS handelt,
werden gewöhnlich unter dem Begriff
»MMIS« subsumiert; es handelt sich also im
wesentlichen um eine Ausschlussdiagnose.
Daten zu Dosis-Wirkungs-Beziehungen im
Hinblick auf eine Exposition gegenüber SP,
Bakterien oder Endotoxinen im Wohnbereich
sind nicht publiziert. Auch ist der
ätiologische Hintergrund der Beschwerden
und somit auch ein denkbarer kausaler
Zusammenhang mit einer SP-Exposition im
Innenraum unklar.
2.5 Geruchsbelästigung ohne erkennbare
gesundheitliche Auswirkung
Wird eine Geruchsbelästigung ohne erkenn-
bare gesundheitliche Beschwerden wahr-
genommen, sollte dies Anlass zu
geeigneten Untersuchungen zur Ursachen-
aufklärung geben. Gerade im Wohnbereich
ist ein erdig-muffiger Pilzgeruch nicht
hinzunehmen, da eine später eintretende
gesundheitliche Relevanz niemals ausge-
schlossen werden kann.
3. Zusammenfassung
–
|
SP können bei abwehrgeschwächten, vorerkrankten Menschen zu schweren systemischen Infektionen führen.
|
–
|
Personen, die in Wohnungen mit
sichtbarem oder anderweitig wahr-
nehmbarem SP-Befall leben, haben
ein erhöhtes Risiko, an allergischen
Atemwegserkrankungen zu erkranken.
Bei einer bereits bestehenden Allergie
ist das Risiko einer Zunahme der
Symptomatik deutlich erhöht.
|
–
|
Aufgrund der z.Z. bekannten Daten ist
eine als völlig ungefährlich geltende SP-
Konzentration im Wohnbereich nicht
definierbar, zumal SP in der Außenluft
allgegenwärtig sind.
|
–
|
Aus Vorsorgegründen ist daher der
Grundsatz anzuwenden, dass wahr-
nehmbarer SP-Befall im Wohnbereich
nicht toleriert werden soll. Quantitative
Untersuchungen zur näheren Cha-
rakterisierung der SP-Sporenkonzen-
tration im Innenraum sind nur in Ausnahme-
fällen indiziert, da die gewonnenen Daten nur
schwer zu interpretieren sind.
|
Verfasser:
PD Dr. med. Frank-Albert Pitten | Institut für
Hygiene und Mikrobiologie | Josef-Schneider-
Str. 2, Bau E1 | 97080 Würzburg
E-Mail: fpitten@hygiene.uni-wuerzburg.de
|